Ein Überführungstörn der etwas anderen Art.

Bernhard, ein Freund und Leidensgenosse aus Ecker-Zeiten, hat mich gefragt, ob ich ihm helfe sein Schiff nach Griechenland zu überstellen. Nachdem ich nun Vorruheständler und chronisch Abenteuerlustig bin, hab ich sofort zugesagt. Mein Freund und häufiger Mitsegler Kalle, war auch spontan mit dabei.

Der Plan war, in Kaş kurz mal nach MERLIN zu sehen um sich anschließend in Göçek zum Überführungstörn zu treffen. 

Donnerstag, der 12.März 2020 – Ein ungutes Gefühl reist mit.

Kalle und ich treffen uns am Flughafen Nürnberg. Dort ist es beunruhigend still. Mehr als 50% der Flüge sind wegen des Corona-Virus bereits abgesagt. Unser Flieger fliegt aber  planmäßig um 17:30 Uhr nach Antalya. Von dort sind es noch etwas über zwei Autostunden bis zur Marina. Durch die Zeitverschiebung erreichen wir erst nach 02:00 Uhr unser Ziel. Aufgedreht wie wir sind, ist trotz fortgeschrittener Stunde nicht an Schlafen zu denken. Schließlich haben wir uns in Finike ja noch mit Proviant und Getränken eingedeckt.

Freitag, der 13. März 2020 – Wartungsarbeiten sind angesagt.

Es wird 11:00 Uhr bis wir einigermaßen auf den Beinen sind.  Zum Frühstück machen wir uns auf den Weg in die Stadt. Der unfreundliche Fuzzi aus dem Türkcell-Laden kann oder will meine WLAN-Sim-Card nicht nachladen.  Ganz anders im Yacht-Zubehör-Geschäft. Dort werden alle unsere Wünsche freundlich erfüllt und wir können uns an die Montage der daheim reparierten Sitzbankstütze machen. Zuvor geht´s aber noch zum Frühstücken und durch den freitäglichen Wochenmarkt.

Am Abend treffen wir unsere Stegnachbarn Moni und Burkhard. Sie haben nicht nur ihre Yacht in der Marina stehen, sondern auch ein Ferienhaus ganz in der Nähe. Beim Abendessen erfahren wir, dass die beiden aus Bamberg kommenden sogar ihr eigenes Bier hier brauen. Es wird viel Fachgesimpelt. Die Welt ist irgendwie ein Dorf.  

Samstag, der 14.März 2020 – Bye bye MERLIN

Um 9:00 Uhr sitzen wir zu Cappuccino und Omelette im Marina-Restaurant Passarella. Anschließend hilft uns Arzum das WLAN-Problem zu lösen. Ich darf sogar ihren Motorroller fahren und werde kurzerhand Vodafone-Kunde. Die Verbindung nach Hause mit dem bordeigenen Router klappt wieder. Die ersten Bildeindrücke wechseln den Besitzer.

Am Nachmittag versetzen wir MERLIN wieder in seinen Dornröschenschlaf und machen uns auf den Weg zu Bernhard und seiner ZALEA, einer Bavaria 45, nach Göçek. Das Wiedersehen wird bei allerlei Vorspeisen und gutem Fisch im Özcana-Restaurant und anschließend unter Deck gefeiert.

Sonntag, der 15.März 2020 – Auf zu neuen Ufern

Die Nacht war kurz. Um 06:00 Uhr surren die Handys. Nach der obligatorischen Einweisung heißt es noch vor 8:00 Uhr „Leinen los“ und raus aus der viel zu engen Parklücke. Nach der Durchfahrt bei der Insel Tersane kommen Wind und Wellen auf. Ganz anders als vom Wetterbericht gemeldet, aber positiv für uns und unseren Kurs. Wir kommen sehr gut voran und können unser Tagesziel noch etwas weiter stecken. Der Hafen Datça auf der gleichnamigen Halbinsel rückt in erreichbare Nähe. Im Hafenbecken angekommen streikt schlagartig unser Motor. Bernhard zaubert mittels Q-Wende einen perfekten Anleger hin. Hut ab!

Wir kämpfen an zwei Fronten gleichzeitig. Zum einen unter Deck an der Motorstörung. Zum anderen mit der Wasserschutzpolizei die sich nicht sicher ist, ob von uns eine Ansteckungsgefahr ausgeht. Während die Polizei sich einigermaßen beruhigt zurückzieht, müssen wir gegen 22:00 Uhr erschöpft den Kampf mit dem Motor aufgeben. Bei Bier, Raki und vier bis fünf schnell gepafften Zigaretten kehrt unser Humor, den wir übrigens während des ganzen Törns nicht verlieren, wieder zurück. Mit zunehmendem Alkoholpegel werden immer wildere Pläne geschmiedet und kühne Strategien entwickelt und es wird wiederum sehr, sehr spät. 

Montag, der 16. März 2020 – Wir warten auf Serkan.

Serkan, der bereits gestern während der Reparaturversuche per Handy zugeschaltet war, will aus Göçek anreisen und den Motor reparieren. Aber mittlerweile öffnen sich ganz andere Abgründe. Die Wasserschutzpolizei hat gestern schon in Frage gestellt, ob wir überhaupt aus der Türkei ausreisen können. Stündlich ändert sich die Lage. Einerseits spielt die angespannte Flüchtlingssituation eine Rolle, andererseits breitet sich Corona immer weiter und immer schneller aus. Griechenland will uns nur einreisen lassen, wenn ein Amtsarzt Speichelproben nehmen und in Athen auswerten lassen kann. Gegen Nachmittag, der Motor läuft längst wieder, trifft uns der Faustschlag ins Gesicht. Die Griechen fordern eine 14tägige Quarantäne. Unser Ziel Lavrion wird somit unerreichbar. Wir werden umkehren müssen.

Am Abend suchen wir uns ein schönes Lokal an der Hafenfront. Die letzte Gelegenheit für einen Gasthausbesuch, denn ab Morgen sind in der Türkei alle Lokale geschlossen.

Dienstag, der 17. März – Eine Karotte als Tagesration. 

In allen uns zur Verfügung stehenden Wetterinformationen wird vor Sturm gewarnt. Wir setzten bereits im einigermaßen geschützten Hafenbecken die Segel und haben selbst hier schon voll zu tun. Die Heimreise wird ein harter Ritt auf den Wellen.  Durch die bewährte Schichteinteilung sind aber ausreichend Erholungspausen möglich. Trotz bis zu 10kt Fahrt werden wir Göçek erst nach Sonnenuntergang erreichen.

Selbst vor der Marina bläst der Wind noch mit über 30 Knoten. Trotzdem gelingt der Anleger souverän. Wir sind wieder zuhause und sichtlich erleichtert.

Trotz aller Unwägbarkeiten ist der Abend sehr entspannt. Kalle bereitet ein Abendbuffet aus Allem was der Kühlschrank bietet. Und wir greifen herzhaft zu, hat es unterwegs außer Schokolade und Karotten quasi nichts gegeben.

Mittwoch, der 18. März – Ein Tag zum Ausspannen.

Bernhard hat einiges zu regeln, da seine Rückkehr ja nicht geplant war. Kalle und ich sind nicht mehr gefordert. Wir legen einen Ruhetag ein. Ausgiebig duschen, ausgiebig frühstücken. Ein ausgiebiger Spaziergang.

In zwei Tagen stellt die Türkei alle Flugverbindungen nach Deutschland ein. Wir haben für morgen noch zwei Tickets ergattert. Auch Bernhard kommt noch rechtzeitig nach München. Ein kurzer und sehr abenteuerlicher Segeltörn geht zu ende. Ein Wechselbad der Gefühle. Ohne ein lautes Wort. Und immer mit der Einstellung das Beste daraus zu machen. Danke, dass ich dabei sein durfte!!  

6 Kommentare

  1. Das hast Du mal wieder super schön geschrieben Kumpel! Genauso hab ich es auch empfunden und ich bin ebenfalls dankbar, diesen Törn mit Euch 2 Haudegen erlebt zu haben!

  2. Ich kann mich da Kalle’s Kommentar nur anschließen.
    Topp Erlebnisbericht.
    Bleibt gesund.
    Grüssle
    Horst

  3. Habe den Bericht mit Begeisterung gelesen! Sehr spannend und toll geschrieben. Vielen Dank und hoffentlich nächstes Jahr mehr Glück wünscht euch allen Rita ( gr. Schwester von Kalle).

  4. Schade, dass wir den Törn von Samos aus, diese Woche bei frischer Brise nicht fortsetzen konnten.

    Zu ergänzen wäre, dass Dir, lieber Thomas, unser Maximalspeed von 12,6 Kt entgangen ist, weil Du dabei in der Straße von Symi selbst am Ruder gestanden bist. Ohne eitlen Blick auf die Logge hattest Du mächtig zu tun, die zwei Meter hohen Wellen, die sich bei 9 Bft von achtern unter das Schiff schoben, abzureiten, um weiter über die Gischt dahinzusurfen. Dabei ging mir das Licht auf, dass ich ja mit zwei erfahrenen Piloten unterwegs war…

    Ihr seid wunderbare Segelkameraden! Und es hat zudem Spaß gemacht, unter Video-Briefing von Serkan und Deinem ingenieusen Wirken, lieber Kalle, die Dieselleitung zu zerlegen…

  5. Wie immer ein toller Bericht Tom. Da hätte ich wahrschheinlich die Fiische gefüttert wenn ich dabei gewesen wäre. Aber meine Flugangst verhindert das ja Gottseidank 🙂

  6. Mich würde interessieren, was die Ursache des Motorenproblems war, das mit telefonische Hilfe von erfahrenen Technikern nicht zu lösen war und dann vom türkischen Service-Menschen offensichtlich ganz schnell behoben wurde. Vielleicht kann man daraus ´was lernen?!
    Gruß
    Lothar (Eigner NIMBUS, Kas)

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